Es ist Freitagabend, kurz vor dem Training der ersten Mannschaft. Giuliano Tobler öffnet gut gelaunt und mit einem authentischen, sympathischen Lächeln die Tür zu den Spieler- und Trainerkabinen unter der Zuschauertribüne im neuen Buechenwaldstadion. Wer Tobler aus früheren Zeiten als knallharten, mitunter kritisch-emotionalen Trainer kennt, sucht in diesem Gesicht heute vielleicht nach der Härte. «Klare Linie und hartes Training gehören für mich nach wie vor dazu», sagt er. «Aber ich bin heute entspannter geworden.»

Lieber zuhören als laut werden

Der 73-Jährige blickt auf eine lange und intensive Fussballlaufbahn zurück. Wo früher ein militärischer Ton und oft emotionalere Reaktionen den Alltag prägten, stünden heute Zusammenhalt und das Menschliche stärker im Vordergrund. «Die Spieler laufen heute auf Augenhöhe. Motivation, Ehrlichkeit und konstruktive Kritik bringen viel mehr als eine bestimmende Herangehensweise.» Vor allem müsse man den Spielern zuhören und sie einbeziehen. So entstünden Zusammenhalt, ein echtes Miteinander und eine hohe Identifikation mit dem Team.

Familiärer Zusammenhalt führt zum Erfolg

Genau dieser familiäre Umgang sei eine der Qualitäten, die den FC Gossau stark machten, ist Tobler überzeugt. Das Zugehörigkeitsgefühl sei gross. «Die Spieler kennen sich seit Jahren – auch nach dem Abstieg in 2024 sind alle dageblieben.» Dazu komme eine gute Altersdurchmischung, von der die Jüngeren ebenso profitieren könnten wie die Routiniers. «Ohne die kontinuierliche Arbeit, die stetige Verbesserung im Training, den Einsatz der Spieler und ihren Zusammenhalt wäre der Aufstieg dieses Jahr nicht möglich gewesen.»Seinen eigenen Anteil daran schätzt Tobler bescheiden ein. «Ich gebe den Jungs eine klare Linie und Regeln. Darauf ist Verlass. Sie schätzen meine Art zu trainieren und akzeptieren meine Entscheidungen – auch wenn ich eben immer noch streng bin.»

Vorstand und Verein ebnen den Weg

Ebenso wichtig für den Erfolg sei die Unterstützung des Vereins. «Ohne den Vorstand, unseren Präsidenten Carlo Troisi und den ganzen Verein ginge es nicht. Wir geniessen Vertrauen und entwickeln uns miteinander. Dafür bin ich sehr dankbar. So macht Arbeiten Spass.» Auch die Zusammenarbeit im Trainerteam gehört für Tobler dazu. Mit Co-Trainer Sven Lehmann, der seit dem vergangenen Sommer dabei ist, sei er sehr zufrieden. Die beiden verstünden sich gut, seien vertraut miteinander und ziehen am selben Strang. «Sven hat sich hervorragend integriert. Er trägt einen wichtigen Teil zur Entwicklung bei und ist bei den Spielern sehr beliebt.»

Der Abstieg als Neuanfang

Als Tobler vor rund zwei Jahren das Traineramt übernahm, war der Abstieg bereits Tatsache. Für den FC Gossau begann ein Neuanfang – auch finanziell. Die Entschädigungen wurden deutlich reduziert, doch die Mannschaft blieb zusammen. Tobler nahm sich Zeit für Gespräche und bezog die Spieler bewusst in die Entwicklung der neuen Trainingskultur ein.

Aus dieser gemeinsamen Entscheidung sei mit der Zeit etwas entstanden, das Tobler gerne als Familie und eingespieltes Team beschreibt. Diese Entwicklung sei nicht über Nacht gekommen: Noch im vergangenen Jahr habe die Mannschaft weniger stabil gewirkt. Über die Monate sei sie reifer geworden – menschlich, strategisch und vor allem taktisch.

Was ihn wirklich beschäftigt

Dass Tobler ruhiger geworden ist, bedeutet nicht, dass er seine Ansprüche aufgegeben hätte. Sein Ehrgeiz ist geblieben: Tobler will gewinnen und bezeichnet sich selbst als schlechten Verlierer. Früher sei er dann«schnell auf hundert gewesen». Heute suche er nach einer Niederlage zunächst Ruhe, um seine Gedanken bis Sonntagabend zu ordnen – erst beim nächsten Training gehe er in die Analyse und Auseinandersetzung mit dem Team.

Mehr als sportliche Niederlagen beschäftigen ihn jedoch menschliche Enttäuschungen, sagt er. Wenn ein Spieler unzufrieden ist, weil er zu wenig spielt und ans Aufhören denkt, gehe ihm das nahe. Er verstehe die Enttäuschung. «Resultate kann man erklären, Menschen aber nicht immer sofort verstehen.» Tobler beschreibt sich heute als empathischer und reflektierter. Auch misslungene Trainingseinheiten hinterfrage er zu Hause kritisch: Lag es an seiner Vorbereitung, an ihm selbst oder an den Spielern? Vor dem nächsten Training suche er deshalb das Gespräch und frage nach den Gründen.

Kontinuität statt ständiger Wechsel

Auch jungen Spielern möchte Tobler heute mehr Verantwortung übertragen. Rückblickend würde er manchen früher mehr zutrauen. Sein Ziel sei es, sie besser zu machen. «Wenn die Kurve nach oben geht, habe ich meinen Job richtig gemacht.» Dafür müssten die Spieler Verantwortung übernehmen – auch wenn er als Trainer am Ende in der Pflicht stehe. Beim FC Gossau sieht Tobler für junge Spieler gerade deshalb eine Chance: Nähe, Vertrauen und echte Möglichkeiten. Ein Platz in der Mannschaft müsse zwar erarbeitet werden; Tobler beobachte die Trainingsleistungen und belohne Konstanz. Wer seine Chance ergreife, könne sich im Kernteam etablieren. «An einer funktionierenden Stammformation halte ich aber grundsätzlich fest.» Anpassungen gebe es, wenn der Gegner ein anderes System verlange oder Verletzungen Wechsel nötig machten.

Trainer-Schlusspfiff absehbar?

Auch abseits des Fussballs hat Tobler noch Wünsche. Er möchte mehr von der Welt sehen und andere Kulturen kennenlernen. Im Dezember reist er auf die Philippinen, die Heimat seiner Freundin. Auch Spanien ist für das Paar zu einem wichtigen Rückzugsort geworden: Dort verbringen sie regelmässig mehrere Wochen im Jahr. Eine Safari in Afrika steht ebenfalls auf seiner Wunschliste.

Doch wie lange will Tobler noch Trainer bleiben? Eine konkrete Antwort hat er darauf nicht. Die Motivation sei weiterhin gross, er habe noch Pläne und seine Arbeit mache ihm viel Freude. Eine persönliche Grenze hat er sich dennoch gesetzt: «Wenn ich die Namen der Spieler nicht mehr weiss, dann höre ich auf.»